„Im Altbau funktioniert das nicht" ist der meistgehörte Einwand gegen die Wärmepumpe. Er stammt aus einer Zeit, in der Geräte tatsächlich auf 35 °C Vorlauf beschränkt waren. Heute liegt die Sache differenzierter — und interessanterweise ist das Baujahr dabei nicht der entscheidende Faktor.
Was zählt, ist die Vorlauftemperatur — nicht das Baujahr
Eine Wärmepumpe interessiert sich nicht dafür, wann Ihr Haus gebaut wurde. Sie interessiert sich dafür, wie heiß das Wasser sein muss, damit die Räume warm werden. Zwei Gebäude gleichen Baujahrs können völlig unterschiedlich dastehen — je nachdem, ob Fenster und Dach erneuert wurden und wie großzügig die Heizkörper seinerzeit ausgelegt wurden.
Begleitende Untersuchungen an Bestandsgebäuden zeigen übereinstimmend zwei Dinge:
- Wärmepumpen laufen auch in unsanierten und teilsanierten Altbauten mit brauchbaren Jahresarbeitszahlen.
- Ein erheblicher Teil der vorhandenen Heizkörper ist überdimensioniert, weil früher mit Sicherheitszuschlägen geplant wurde.
Der zweite Punkt ist die gute Nachricht: Viele Altbau-Heizkörper liefern bei 50 oder 55 °C bereits genug — häufig sogar bei 45 °C.
Der Selbsttest: eine Heizperiode, kein Gutachten
Bevor Sie in Berechnungen einsteigen, gibt es einen einfachen Praxistest, den Sie im Winter selbst durchführen können:
- Warten Sie einen richtig kalten Tag ab — idealerweise nahe der Normaußentemperatur Ihrer Region.
- Stellen Sie die Vorlauftemperatur der bestehenden Heizung fest auf 50 °C.
- Öffnen Sie alle Thermostatventile vollständig.
- Schalten Sie die Nachtabsenkung ab.
- Beobachten Sie zwei bis drei Tage, ob alle Räume ihre Zieltemperatur erreichen.
Werden alle Räume warm, ist Ihr Gebäude wärmepumpentauglich — meist sogar mit Reserve, weil 50 °C bereits konservativ sind. Bleiben einzelne Räume zurück, wissen Sie ganz konkret, welche das sind. Das ist eine belastbarere Information als jede Schätzung nach Baujahr.
Wenn Räume zurückbleiben
Genau hier liegt der Hebel. Meist sind es zwei bis vier Räume, die die Vorlauftemperatur für das ganze Haus nach oben zwingen. Welche das typischerweise sind und in welcher Reihenfolge Sie vorgehen, steht in unserem Beitrag dazu, welche Heizkörper zuerst getauscht werden sollten.
Rechnen Sie für diese Räume mit dem Wärmepumpen-Check aus, welche Normleistung nötig wäre. Häufig genügt ein Wechsel von Typ 11 auf Typ 22 bei identischen Außenmaßen — der Heizkörper wird nur tiefer, nicht breiter.
Die typischen Altbau-Besonderheiten
Einrohrsysteme
In Gebäuden der 1960er- und 1970er-Jahre finden sich häufig Einrohrsysteme. Dort durchläuft das Heizwasser die Heizkörper nacheinander, wodurch die späteren Heizkörper deutlich kühleres Wasser bekommen. Das erschwert den Betrieb mit niedriger Vorlauftemperatur erheblich. Details dazu in unserem Beitrag zu Einrohr- und Zweirohrsystemen.
Hohe Räume
Altbauten mit 3,50 m Deckenhöhe haben eine höhere Heizlast als die Grundfläche vermuten lässt. Rechnen Sie mit einem Zuschlag oder besser mit dem tatsächlichen Raumvolumen. Der Heizlastrechner gibt Ihnen einen Ausgangswert, den Sie bei sehr hohen Räumen nach oben korrigieren sollten.
Alte Verrohrung
Niedrigere Vorlauftemperaturen bedeuten höhere Volumenströme bei gleicher Leistung. Enge Altrohre können dabei zum Engpass werden. Ob das bei Ihnen relevant ist, klärt der Fachbetrieb im Rahmen des hydraulischen Abgleichs.
Denkmalschutz
Steht Ihr Gebäude unter Schutz, sind Dämmmaßnahmen an der Fassade oft ausgeschlossen. Umso wichtiger wird die Heizfläche im Innenraum — hier lässt sich die fehlende Dämmung teilweise kompensieren, ohne die Substanz anzutasten.
Realistische Erwartung
Im gut sanierten Altbau sind 45 °C Vorlauf ein erreichbares Ziel. Im teilsanierten Bestand liegen Sie realistisch bei 50 bis 55 °C. Auch das ist wirtschaftlich darstellbar — die Wärmepumpe läuft dann eben mit einer etwas niedrigeren Arbeitszahl. Der Unterschied zwischen 55 °C und 45 °C macht etwa ein Viertel des Stromverbrauchs aus, was den gezielten Tausch einzelner Heizkörper meist schnell amortisiert.
Passende Modelle finden Sie unter Wohnraumheizkörper. Wenn die alten Anschlussmaße erhalten bleiben sollen, sind Austauschheizkörper die unkomplizierteste Lösung — sie übernehmen gängige Altmaße ohne Rohrumbau.
Kurz gefasst
Testen Sie Ihr Gebäude mit 50 °C an einem kalten Tag, statt nach Baujahr zu urteilen. Was dann noch nicht warm wird, ist Ihre Aufgabenliste — und sie ist in den meisten Häusern kürzer als befürchtet.